Dinkel statt Weizen gekauft: Der teure Irrtum, den 22 Prozent der Verbraucher unwissentlich machen

Dinkel wird in den Supermarktregalen oft als das Urgetreide schlechthin angepriesen – naturbelassen, traditionell und perfekt für alle, die sich bewusst ernähren möchten. Doch hinter dieser Vermarktung verbirgt sich eine Realität, die in mehrfacher Hinsicht ernüchternd ist. Während Verbraucher davon ausgehen, ein reines Naturprodukt und eine gesündere Alternative zu Weizen zu kaufen, enthalten zahlreiche Dinkelerzeugnisse nicht nur versteckte Zusatzstoffe, sondern sind auch aus ernährungsphysiologischer Sicht keineswegs die bessere Wahl.

Der Mythos vom bekömmlicheren Getreide

Die Vermarktung von Dinkel als Alternative zu konventionellem Weizen suggeriert, dass dieses Getreide besser verträglich sei. Diese Annahme ist wissenschaftlich nicht haltbar. Dinkel ist botanisch eine Unterart des Weizens und wird allergologisch identisch behandelt. Fachgesellschaften bestätigen eindeutig, dass Dinkel nicht weniger allergen wirkt als herkömmlicher Weizen.

Besonders problematisch ist die Situation für Menschen mit Glutenunverträglichkeit: Dinkel enthält mehr Gluten als Weizen. Wer aus gesundheitlichen Gründen glutenhaltige Getreide meiden sollte, findet in Dinkel keine Lösung, sondern verschärft das Problem möglicherweise noch. Die Vorstellung, Dinkel sei die bekömmlichere Wahl, ist ein weit verbreiteter Irrglaube.

Wo liegen die tatsächlichen Unterschiede?

Obwohl Dinkel und Weizen sich in ihrem Gesamtproteingehalt kaum unterscheiden, gibt es Nuancen in der Proteinzusammensetzung. Dinkel fehlt das Protein Omega-Gliadin, das ausschließlich in Weizen vorkommt und als Hauptursache für zahlreiche Gesundheitsprobleme durch Weizenkonsum gilt. Für die meisten Menschen mit echten Weizenunverträglichkeiten spielt dieser Unterschied in der Praxis jedoch kaum eine Rolle, da andere allergene Proteine in beiden Getreidesorten vorhanden sind.

Die Nährstoffunterschiede zwischen Dinkel und Weizen sind marginal. Dinkel enthält geringfügig mehr Eiweiß, Magnesium, Zink und Eisen sowie einen höheren Luteingehalt. Diese Unterschiede sind jedoch so gering, dass sie kaum einen spürbaren gesundheitlichen Vorteil bieten. Die Vermarktung als nährstoffreicheres Superfood ist übertrieben.

Das Problem der Verunreinigungen

Ein weitaus gravierenderes Problem als die oft diskutierten Zusatzstoffe sind tatsächliche Verunreinigungen durch Weichweizen in Dinkelprodukten. Untersuchungen von Lebensmittelkontrollbehörden haben gezeigt, dass in 22 Prozent der geprüften Dinkelproben deutliche Beimengungen von Weichweizen im Umfang von 10 bis 20 Prozent festgestellt wurden. Bei der Hälfte der Proben lagen die Verunreinigungen bei mindestens 5 Prozent.

Für Verbraucher, die bewusst Dinkel wählen – sei es aus geschmacklichen Gründen oder weil sie auf bestimmte Weizensorten reagieren – ist dies eine erhebliche Irreführung. Wer ein als rein ausgewiesenes Dinkelprodukt kauft, erhält möglicherweise ein Mischprodukt, ohne davon zu wissen.

Verwirrende Kennzeichnungen und Bezeichnungen

Die Deklaration von Dinkelprodukten ist häufig irreführend. Hersteller verwenden widersprüchliche Begriffe wie „Dinkel-Weizenmehl“ oder „Weizen (Dinkel)“, die Verbraucher verwirren. Verbraucherzentralen dokumentieren regelmäßig Beschwerden von Käufern, die erwarten, dass in einem als Dinkelprodukt beworbenen Erzeugnis der Begriff „Dinkel“ namentlich in der Zutatenliste erscheint – stattdessen steht dort oft nur „Weizen“.

Diese Praxis ist rechtlich zwar häufig gedeckt, da Dinkel als Weizenart gilt, untergräbt aber das Vertrauen der Verbraucher. Die Begriffe „traditionell“, „ursprünglich“ oder „naturbelassen“ unterliegen keiner strengen rechtlichen Definition und können nahezu beliebig verwendet werden, selbst wenn das Produkt hochverarbeitet ist.

Enzyme – die unsichtbaren Helfer der Industrie

Neben den Problemen mit der Reinheit und Kennzeichnung gibt es tatsächlich auch versteckte Zusatzstoffe in Dinkelprodukten. Besonders tückisch sind Enzyme, die als Verarbeitungshilfsstoffe gelten und nach aktueller Gesetzgebung nicht zwingend auf der Zutatenliste erscheinen müssen. Bei Dinkelbackwaren werden häufig Amylasen, Xylanasen oder Lipasen eingesetzt, um die Teigeigenschaften zu verbessern, die Frischhaltung zu verlängern oder das Volumen zu erhöhen.

Für den Verbraucher entsteht dadurch ein verzerrtes Bild: Das Produkt erscheint auf der Verpackung weitaus natürlicher, als es tatsächlich ist. Die fehlende Deklarationspflicht ist nicht nur ein Transparenzproblem. Einige Menschen reagieren sensibel auf bestimmte Enzyme, insbesondere wenn diese aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gewonnen werden. Obwohl das Endprodukt selbst nicht als gentechnisch verändert gilt, stammen die Produktionshilfen möglicherweise aus solchen Quellen.

Emulgatoren in Dinkelbackwaren

In verpackten Dinkelbackwaren finden sich regelmäßig Emulgatoren wie E471 oder E472e. Diese Stoffe sorgen für eine gleichmäßige Struktur, verbessern die Haltbarkeit und verhindern, dass das Produkt zu schnell austrocknet. Viele dieser Emulgatoren können aus verschiedenen Quellen stammen – pflanzlich, tierisch oder synthetisch. Für Vegetarier und Veganer wird die Produktwahl damit zum Glücksspiel, denn die genaue Herkunft muss nicht angegeben werden.

Zudem gibt es Hinweise aus der Forschung, dass bestimmte Emulgatoren die Darmflora beeinflussen und möglicherweise entzündliche Prozesse begünstigen können. Für gesundheitsbewusste Käufer, die gerade Dinkel wegen seiner vermeintlichen Reinheit wählen, ist diese Praxis irritierend.

Säureregulatoren und versteckte Konservierung

Citronensäure, Natriumacetat oder Calciumacetat klingen harmlos und werden oft als unbedenklich eingestuft. In Dinkelprodukten dienen sie dazu, den pH-Wert zu regulieren und dadurch das Wachstum von Schimmel und Bakterien zu hemmen. Technisch gesehen sind es keine Konservierungsstoffe im klassischen Sinne, doch ihre konservierende Wirkung ist dennoch vorhanden. Das Versprechen von Natürlichkeit wird durch diese chemische Regulierung konterkariert, auch wenn die eingesetzten Stoffe einzeln betrachtet als sicher gelten.

Malzextrakt und kosmetische Aufwertung

Ein besonders raffinierter Zusatz ist Malzextrakt, der häufig in Dinkelbroten zu finden ist. Er gilt als natürlich, da er aus Getreide gewonnen wird, doch seine Funktion ist klar industriell motiviert: Malzextrakt dient als Färbemittel, verleiht eine appetitliche Bräunung und liefert vergärbare Zucker für die Hefe. Das Brot wirkt dadurch handwerklich hergestellt und traditionell gebacken, obwohl dieser Eindruck künstlich erzeugt wurde.

Versteckte Zuckerzusätze in herzhaften Produkten

Auch bei herzhaften Dinkelprodukten wie Cracker, Grissini oder salzigem Gebäck lauert eine Überraschung: Zucker oder zuckerähnliche Substanzen wie Dextrose, Glukosesirup oder Maltodextrin werden regelmäßig zugesetzt. Offiziell dienen sie der Geschmacksabrundung oder der Förderung der Bräunung, tatsächlich handelt es sich aber um eine geschickte Manipulation des Geschmacksempfindens. Für Menschen, die ihren Zuckerkonsum reduzieren möchten, sind solche versteckten Zusätze in vermeintlich gesunden Getreideprodukten besonders ärgerlich.

Wie Verbraucher sich schützen können

Um nicht auf die Marketingversprechen hereinzufallen, ist kritisches Hinterfragen gefragt. Die Zutatenliste sollte so kurz wie möglich sein – idealerweise besteht ein Dinkelbrot nur aus Dinkelmehl, Wasser, Salz und einem Triebmittel wie Hefe oder Sauerteig. Alles darüber hinaus sollte kritisch betrachtet werden. Produkte mit sehr kurzer Zutatenliste verdienen den Vorzug, ebenso solche mit Bio-Zertifizierungen, da diese strengere Vorgaben für Zusatzstoffe haben. Beim Bäcker des Vertrauens nachzufragen, welche Zutaten tatsächlich verwendet werden und ob reiner Dinkel verarbeitet wird, kann ebenfalls Klarheit schaffen.

E-Nummern sollten nicht einfach hingenommen, sondern recherchiert werden, um zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Und die wichtigste Erkenntnis: Skeptisch sein bei Gesundheitsversprechen – Dinkel ist keine gesündere Alternative zu Weizen. Diese nüchterne Einschätzung hilft dabei, realistische Erwartungen an Dinkelprodukte zu haben und Enttäuschungen zu vermeiden.

Die Rolle der Gesetzgebung

Die aktuelle Rechtslage lässt Herstellern erheblichen Spielraum. Verarbeitungshilfsstoffe müssen nicht deklariert werden, viele Zusatzstoffe dürfen unter Sammelbegriffen subsumiert werden, und die Bewerbung mit Gesundheitsversprechen ist nur schwach reguliert. Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine umfassendere Kennzeichnungspflicht und klarere Regelungen für die Bezeichnung von Dinkelprodukten, doch die Lebensmittelindustrie wehrt sich erfolgreich gegen strengere Auflagen.

Solange sich an dieser Situation nichts ändert, bleibt die Verantwortung beim Verbraucher. Nur durch bewusstes Hinterfragen und kritisches Lesen der Etiketten lässt sich herausfinden, was wirklich im Dinkelprodukt steckt.

Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität

Die Problematik bei Dinkelprodukten ist vielschichtiger als zunächst angenommen. Es geht nicht nur um versteckte Zusatzstoffe, sondern auch um grundlegende Irreführungen: Die Vermarktung als gesundheitlich überlegene Alternative ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die dokumentierten Verunreinigungen mit Weichweizen zeigen, dass selbst die Reinheit des Getreides oft nicht gewährleistet ist. Die irreführende Kennzeichnung erschwert bewusste Kaufentscheidungen zusätzlich.

Dinkel steht stellvertretend für ein größeres Problem in der Lebensmittelindustrie: Die Entfremdung zwischen dem, was Verbraucher erwarten, und dem, was sie tatsächlich bekommen. Diese Diskrepanz untergräbt das Vertrauen in Lebensmittel und erschwert eine bewusste Ernährung erheblich. Wer Dinkelprodukte kauft, sollte sich bewusst sein, dass es sich um keine gesundheitlich überlegene Alternative zu Weizen handelt. Die leichten Nährstoffunterschiede sind vernachlässigbar, die Allergenität ist identisch, und der Glutengehalt ist sogar höher. Wer Dinkel aus geschmacklichen Gründen bevorzugt, sollte zumindest sicherstellen, dass es sich um ein reines Produkt ohne Weizenbeimengungen handelt – was angesichts der Untersuchungsergebnisse alles andere als selbstverständlich ist. Die Lösung liegt in mehr Transparenz, strengeren Kennzeichnungsvorschriften und einem ehrlicheren Marketing ohne unbegründete Gesundheitsversprechen.

Wie viel Weizen steckt wirklich in deinem Dinkelprodukt?
Unter 5 Prozent Verunreinigung
5 bis 10 Prozent
10 bis 20 Prozent
Über 20 Prozent
Keine Ahnung aber jetzt misstrauisch

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